Wenn du es zum ersten Mal siehst, denkst du an einen Scherz. Du sitzt an der Bar, und neben dir bricht jemand einen Streifen Focaccia ab, taucht ihn in den Cappuccino, wartet genau so lange, bis er durchweicht ist, ohne auseinanderzufallen, und führt ihn zum Mund. Herzhaftes im Süßen. Öl und Milchschaum. Kommst du von auswärts, dreht sich dir kurz der Kopf.
Und doch beginnt hier der Tag genau so. Das ligurische Frühstück ist herzhaft. Kein Cornetto zum Cappuccino, oder besser: Cappuccino schon, aber statt des süßen Gebäcks kommt die Focaccia dazu, fingerdick, ölglänzend, mit Vertiefungen voller Salzlake. Man „puccia" sie, wie man hier sagt, das heißt: man tunkt sie ein. Manche rümpfen die Nase, aber in Genua ist das eine derart ernste Sache, dass der Gambero Rosso sie vor einigen Jahren zum typischsten Regionalfrühstück Italiens erklärt hat. Und wir hier im Ponente stehen dem in nichts nach.
Ligurische Focaccia, frisch aus dem Ofen, fingerdick, goldbraun, mit ölglänzenden Vertiefungen.
Das Geheimnis, wenn du es genau wissen willst, liegt im Timing. Die Focaccia darf nicht zu lange baden, sonst löst sie sich im Cappuccino auf und wird zu Brei. Ein kurzes Eintauchen, gerade lange genug, um warm zu werden und etwas Milch aufzunehmen, und rauf damit. Diese Geste lernt man als Kind, indem man den Erwachsenen zusieht, und sie bleibt einem für immer. Hier macht das jeder, vom Rentner, der die Gazzetta liest, bis zum jungen Mann vor der Arbeit, und niemand findet das seltsam: So macht man es eben.
Bei uns in der Familie ist das auch eine Frage der Geografie. Unser herzhaftes Frühstück hat eine feste Adresse: Piazza San Giovanni, der Platz an der Kirche, mitten im Herzen von Oneglia. Dorthin gehen wir seit Jahren, und genau dort hat meine Tochter Emma ihren absoluten Favoriten: die Rösterei direkt am Platz, wo der Kaffee vor Ort geröstet wird und der Duft dir schon von halber Straße entgegenkommt.
Dieser Platz ist für uns eine kleine Welt für sich. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Bäckerei Blengini, zu der wir in Emmas ersten Jahren jeden Samstag runtergingen, um Brot „für die Oma" zu holen, und wo sie sich auf die Stufen setzte, um ihre Tüte mit noch warmer Focaccia zu essen. Gleich dort ist auch der Pastamacher, bei dem wir die Ravioli kauften, ebenfalls für die Oma. Brot, Pasta, Kaffee und Focaccia, alles auf dreißig Quadratmetern Platz. Für ein kleines Mädchen, und ehrlich gesagt auch für ihren Vater, war der Weg zur Piazza San Giovanni am Morgen schon die halbe Freude des Tages.
Denn genau darum geht es. Das herzhafte Frühstück ist nicht nur eine Frage des Geschmacks. Es ist ein Ritual, und Rituale muss man in Ruhe zelebrieren. Der wahre Ligurer schlingt die Focaccia nicht im Stehen an der Theke hinunter: Er setzt sich, bestellt den Cappuccino, schlägt die Zeitung auf und lässt sich Zeit. Das ist kein Frühstück, das ist eine kleine Erklärung, wie der Tag laufen soll.
Wenn du bei Stella sul Mare bist und es ausprobieren willst, hast du die Qual der Wahl – ich nenne dir vier, die sich lohnen.
Die erste ist die Rösterei an der Piazza San Giovanni, von der ich dir schon erzählt habe. Du gehst dort hin wegen des vor Ort gerösteten Kaffees und der warmen Focaccia, aber vor allem, weil du dich am lebendigsten Punkt von Oneglia wiederfindest, mit der Kirche vor dir und der Stadt, die rundherum erwacht.
Die Caffetteria Bistrot S. Giovanni, am Platz in Oneglia: vor Ort gerösteter Kaffee und Tische vor der Kirche
Dann gibt es das Caffè Pepito, in der Via Silvio Bonfante, Richtung Meer. Viele Onegliesi werden dir sagen, dass es dort die beste Focaccia der Stadt gibt, und ganz unrecht haben sie nicht. Perfekt, wenn du einen Vormittag am Strand geplant hast, denn du bist nur ein paar Schritte von der Galeazza entfernt: Focaccia, Cappuccino, und dann runter ins Wasser.
Das Caffè Pepito, in der Via Silvio Bonfante in Oneglia: für viele die beste Focaccia der Stadt
Am Hafen, ganz am Ende von Calata Cuneo, liegt das Caffè del Porto. Abends ist es einer der Orte für den Aperitivo, aber morgens ist es eine ganz andere Geschichte: Ihre Focaccia, die Torta verde und die Pizza al sugo sind selbst gemacht und von hohem Niveau. Den Cappuccino dort zu trinken, unter den Arkaden, mit dem Hafen vor dir und den vertäuten Fischerbooten, ist eine dieser Sachen, die dich denken lassen, dass du gut daran getan hast, hierherzukommen. Und wo du schon dabei bist: Entlang der Calata findest du auch andere Stände und kleine Bars, die morgens Focaccia backen – ein Stück in der Hand und ein paar Schritte auf dem Pier, das lässt sich niemand entgehen.
Der Eingang des Caffè del Porto, am Hafen von Oneglia, mit beleuchtetem Schild und Tischen im Freien.
Und wenn dir mal die Levante-Version über den Weg läuft, lass sie dir nicht entgehen: Die Focaccia col formaggio aus Recco ist noch mal etwas ganz anderes, zwei hauchdünne, knusprige Teigschichten mit zerlaufendem Stracchino dazwischen. Reichhaltiger, verführerischer, perfekt für alle, die schon am frühen Morgen aus dem Vollen schöpfen wollen.
Die Focaccia col formaggio aus Recco, zwei dünne, knusprige Teigschichten mit zerlaufendem Stracchino.
Und jetzt verrate ich dir die äußerste Grenze, die der ganz Mutigen: Manche hier beginnen den Tag mit einem Streifen Focaccia und einem Glas Pigato. Ja, Weißwein am frühen Morgen. Rümpf nicht die Nase: Focaccia und Pigato jagen sich geradezu, beide herzhaft-salzig – ein Vergnügen. Ich gestehe, dieses kleine Vergnügen hebe ich mir für den Aperitivo auf — vielleicht genau hier, im Caffè del Porto, wenn die Sonne untergeht — aber wenn du im Urlaub bist und dir danach ist, weißt du jetzt: Die Tradition deckt dich.
Und wenn du Lust auf einen Spaziergang hast, überquere den Bach und geh bis nach Porto Maurizio, in die Via XX Settembre, zur Pasticceria da Maurizio e Charlie. Sie wurde vom Gambero Rosso als bestes Café Imperias ausgezeichnet, und man merkt es: Die Focaccia am Morgen ist hervorragend, aber die eigentliche Versuchung ist die Vitrine mit dem süßen Gebäck, denn dort darf man die Regel des herzhaften Frühstücks auch mal brechen, ausnahmsweise.
Der Eingang der Pasticceria da Maurizio e Charlie, in der Via XX Settembre in Porto Maurizio, mit ihrem Schild.
Eines muss ich dir als ehrlicher Onegliese sagen. Focaccia isst du das ganze Jahr über gut, aber der perfekte Moment ist der frühe Morgen, wenn sie gerade aus dem Ofen kommt. Je mehr Stunden vergehen, desto mehr verliert sie diese feuchte Weichheit, die sie im Cappuccino so unwiderstehlich macht. Also lass dir nicht zu viel Zeit: Geh runter, wenn die Bar gerade geöffnet hat, und nimm sie dir warm.
Und noch ein letzter Tipp, einer von der wichtigen Sorte. Lass dir Zeit. Das herzhafte Frühstück ist eine wunderbare Gewohnheit, gerade weil sie dich zwingt, innezuhalten. Setz dich, bestell, und wenn man dir die Focaccia bringt, halt sie einen Moment in der Hand, bevor du sie eintunkst. Spüre das Öl, das Salz, die Wärme. Dann tauch sie in den Cappuccino, zähl bis zwei, und rauf damit. Willkommen in Ligurien. Von hier an kann der Tag nur noch besser werden.